{"id":2037,"date":"2021-03-23T11:57:14","date_gmt":"2021-03-23T10:57:14","guid":{"rendered":"https:\/\/projekte2.hs-magdeburg.de\/praxisreflektiert\/?post_type=reflection&#038;p=2037"},"modified":"2021-03-23T11:58:03","modified_gmt":"2021-03-23T10:58:03","slug":"zwischen-freiheit-und-zwang","status":"publish","type":"reflection","link":"https:\/\/projekte2.hs-magdeburg.de\/praxisreflektiert\/reflection\/zwischen-freiheit-und-zwang\/","title":{"rendered":"Zwischen Freiheit und Zwang"},"content":{"rendered":"<p>Studentisches Protokoll einer Reflexion im BA Angewandte Kindheitswissenschaften <\/p>\n<p>Vorgehen:<br \/>\nAnf\u00e4nglich teilten wir die Situationsbeschreibung in einen Ablauf ein, begonnen mit der Rahmung der Strukturen, dann die Ankunft des Kindes, als n\u00e4chsten Teil die Ideenvorstellung, bei der die Praktikantin mit den Kindern kommuniziert, das Angebot vorstellt, sowie versucht \u00dcberzeugungsarbeit zu leisten. Die vierte Phase ist das Eingreifen der Kollegin und als letzte Phase das Eingreifen der Chefin. Somit baut sich die Situation weiter auf bis zur h\u00f6chsten Instanz der Kita.<\/p>\n<p>Rahmung: Zeilen 1-7<br \/>\nAm Anfang wird erkl\u00e4rt, dass das Angebot, der Handabdr\u00fccke der Kinder auf der Tapete, ein freiwilliges ist, ohne Pflicht der Kinder zur Teilnahme.<br \/>\nAnkunft des Kindes: Zeilen 9-11<br \/>\nDer Satz \u201eNun fehlte nur noch der Handabdruck von Julian\u201c, birgt einen Vollst\u00e4ndigkeitsanspruch in sich, der im Kontrast zur freiwilligen Rahmung des Angebotes steht. Ziel ist offenbar, alle Kinder mit dem Angebot anzusprechen. Im zweiten Satz zeigt sich die Annahme, dass Kinder einige Zeit brauchen um anzukommen. Dabei stellte sich uns die Frage, woran man erkennt, ob ein Kind in der Einrichtung &#8218;angekommen&#8216; ist. Eine Antwort k\u00f6nnte sein: Wenn sich das Kind auf andere Personen (au\u00dfer seinen Eltern) oder Gegenst\u00e4nde in der Einrichtung einl\u00e4sst. Weiterhin ist am zweiten Satz erkennbar, dass die P\u00e4dagogin entscheidet, wie es weiter gehen k\u00f6nnte. Daran wird die Hierarchie von Erwachsenen gegen\u00fcber Kindern deutlich. Sie zeigt sich auch daran, dass die Mutter das Kind in die Kita bringt und Julian nicht selbst hin geht (Erwachsene f\u00fchren das Kind\/ die Situation). Die Praktikantin positioniert sich mit ihrer Beschreibung also als P\u00e4dagogin.<br \/>\nIdeenvorstellung durch Praktikantin: Zeilen 11-20<br \/>\nDie Praktikantin kniet sich vor Julian, begibt sich damit auf Augenh\u00f6he und wendet sich dem Kind zu. Es wurden hypothetische M\u00f6glichkeiten (Lesarten) f\u00fcr Situationen gesammelt, in denen man sich hin kniet: Betteln, sich entschuldigen, einen Heiratsantrag machen, Verehrung ausdr\u00fccken, einen (unterw\u00fcrfigen) Kontakt aufnehmen. Alle diese M\u00f6glichkeiten haben gemeinsam, dass bei ihnen eine Hierarchie zwischen Personen verkleinert oder vergr\u00f6\u00dfert wird. Hier wird die Hierarchie zwischen Praktikantin und Kind verkleinert.<br \/>\n\u201eIch habe eine ganz tolle Idee&#8230;\u201c zeigt noch einmal, dass die Praktikantin versucht, den Jungen zu \u00fcberreden, am Angebot teilzunehmen und ihn davon zu \u00fcberzeugen, dass es Spa\u00df macht, dieses Angebot wahrzunehmen. Zugleich zeigt sie sich als die Ideengeberin. Mit der Formulierung \u201eWir malen deine Hand an mit einer ganz sch\u00f6nen Farbe an und legen sie dann auf die Tapete. Du brauchst auch gar keine Angst haben . . .\u201c, legt sie nahe, dass das Anmalen von H\u00e4nden nichts Gef\u00e4hrliches ist und wirbt um das Vertrauen des Kindes. Allerdings ruft sie damit zugleich gerade jene Angstvorstellung auf, die sie eigentlich dementieren will. Auch die Formulierung \u201ewir legen deine Hand\u201c, als sei diese ein vom K\u00f6rper getrenntes Objekt, k\u00f6nnte Unverst\u00e4ndnis und Angst bei dem Kind hervorgerufen haben. Zudem stellt sich die Frage, wer \u201ewir\u201c beim Hand anmalen ist, denn eigentlich m\u00f6chte die Praktikantin die Hand von Julian anmalen. Dies l\u00e4sst sich als Versuch verstehen, ein Arbeitsb\u00fcndnis herzustellen und verweist zugleich auf eine vorgestellte Gemeinschaft.<br \/>\nM\u00f6chte die Praktikantin die Beteiligung von Julian am Angebot, w\u00e4re z.B. m\u00f6glich gewesen, Julian zun\u00e4chst zu zeigen, was die anderen Kinder genau gemacht haben, um ihn dann zu fragen, ob er das auch m\u00f6chte. Denn so s\u00e4he er das Endprodukt und bek\u00e4me ein klareres Verst\u00e4ndnis vom Angebot. Eine weitere M\u00f6glichkeit w\u00e4re es abzuwarten, bis Julian selbst auf das Geschehen zukommt und Interesse zeigt. Sp\u00e4ter sagt Julian \u201eNein!\u201c, obwohl keine Frage gestellt wurde, die eine solche Antwort zul\u00e4sst. Er verneint damit das gesamte Angebot. W\u00e4re es wirklich freiwillig, lie\u00dfe sich darauf reagieren, indem man sein \u201eNein!\u201c akzeptierte oder nach Gr\u00fcnden f\u00fcr die Ablehnung fragte. W\u00e4re das Angebot allerdings wirklich freiwillig, w\u00e4re auch eine solche Rechtfertigung unn\u00f6tig. In der Situation jedenfalls wird das \u201eNein!\u201c des Kindes nicht akzeptiert, denn die Praktikantin versucht weiter, Julian vom Angebot zu \u00fcberzeugen. Dazu nimmt sie das Kind in den linken Arm, was sich als k\u00f6rperliche Zuwendung, aber auch als k\u00f6rperliche Machtaus\u00fcbung verstehen l\u00e4sst, als eine Art &#8217;sanfte Gewalt&#8216;.<br \/>\nWir versuchten uns die Situation umgekehrt so vorzustellen, dass ein Erwachsener von einem Kind in den Arm genommen werden w\u00fcrde. Dies war schwer vorstellbar und verdeutlichte uns das generationale p\u00e4dagogische (Macht-)Verh\u00e4ltnis.<br \/>\nMit der Formulierung \u201edie anderen Kinder haben es auch schon gemacht\u201c, wird der Unterschied zwischen Julian, dem Kind, dass das Angebot nicht wahrnimmt, und den ,anderen\u2018 Kindern gemacht, die bereits die Erwartungen erf\u00fcllt haben. Das schlie\u00dft eine ausgrenzende Bewertung der anderen als besser ein und suggeriert, dass man bei Nichterf\u00fcllung der p\u00e4dagogischen Erwartungen ein schlechtes Gewissen haben m\u00fcsste. Mit der Formulierung \u201ewenn die H\u00e4nde ganz bunt sind\u201c, wird die Annahme vertreten, dass die Kinder Farbe f\u00fcr ihre H\u00e4nde aussuchen k\u00f6nnen. Zumindest innerhalb des Angebotes g\u00e4be es damit eine Wahlm\u00f6glichkeit.<br \/>\nEingreifen der Kollegin: Zeilen 20-22<br \/>\nDer sp\u00e4tere Versuch der Kollegin, Julian von seiner Beteiligung am \u201eAngebot\u201c, mit \u00e4hnlicher Strategie, zu \u00fcberzeugen, misslingt ebenfalls.<br \/>\nEingreifen der Chefin: 22-29<br \/>\nAnschlie\u00dfend betritt die \u201eChefin\u201c den Raum, die verdeutlicht, dass Zeitdruck wegen des kurz bevorstehenden Morgenkreis herrscht. Das l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass sie eine bestimmte zeitliche Ordnung in der Kita als bedeutsam wahrnimmt. Schlie\u00dflich setzt sich die Chefin \u00fcber die Praktikantin hinweg, \u00fcbernimmt die F\u00fchrung und \u00fcbergeht die Ablehnung von Julian, indem sie ihn einfach auf den Stuhl setzt. Mit dem Ausspielen k\u00f6rperlicher \u00dcberlegenheit wendet sie zugleich physische Macht an. Aus dem Satz \u201eSo machen wir das hier!\u201c, l\u00e4sst sich schlie\u00dfen, dass der Zwang zur Teilnahme an \u201eAngeboten\u201c durch Kinder und das Durchsetzen des Willens der Chefin zur Routine in der Einrichtung geh\u00f6rt.  Die Leiterin repr\u00e4sentiert mit dem \u201eWir\u201c die Einrichtung als Ganzes. Zugleich richtet sich der Satz aber auch an die Praktikantin, der damit die aus Sicht der Chefin herrschenden Regeln gezeigt werden und zugleich auch, dass diese es ist, die f\u00fcr die Einhaltung dieser Regeln steht \u2013 eine ausgesprochen hierarchische Ordnung also, in der die Praktikantin als unwissende \u201eNewcomerin\u201c platziert und aus dem \u201eWir\u201c ausgeschlossen wird.<br \/>\nAbschlie\u00dfend stellten wir fest, dass das Ziel der Chefin und das der Praktikantin, aber auch das der Kollegin, nicht im vollst\u00e4ndigen Kontrast zueinander stehen, denn beide wollten alle Kinder am Angebot beteiligen. Somit gilt die Beteiligung aller Kinder in diesem Moment als wichtiger als das momentane, individuelle Bed\u00fcrfnis des Kindes (das mit der eigentlich unterstellten Wahlm\u00f6glichkeit des \u201eAngebots\u201c beansprucht wurde zu ber\u00fccksichtigen).<br \/>\nDabei k\u00f6nnen verschiedene Orientierungen eine Rolle spielen. M\u00f6glich w\u00e4re etwa einem Ordnungsarrangement der Kita gerecht werden zu wollen; alle Kinder auf der Tapete &#8218;verewigen&#8216; zu wollen, um unangenehmen Fragen der Eltern aus dem Weg zu gehen, falls ihr Kind fehlen sollte; Anerkennung der dort arbeitenden Kollegen zu erhalten; oder auch allein, um das Hierarchieverh\u00e4ltnis st\u00e4rker zu verdeutlichen und zu zeigen, wer hier das Sagen hat.<\/p>\n","protected":false},"author":5,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"educase-tag":[152],"reflection-method":[24],"class_list":["post-2037","reflection","type-reflection","status-publish","hentry","educase-tag-zwang","reflection-method-dilemma-verfahren"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/projekte2.hs-magdeburg.de\/praxisreflektiert\/wp-json\/wp\/v2\/reflection\/2037"}],"collection":[{"href":"https:\/\/projekte2.hs-magdeburg.de\/praxisreflektiert\/wp-json\/wp\/v2\/reflection"}],"about":[{"href":"https:\/\/projekte2.hs-magdeburg.de\/praxisreflektiert\/wp-json\/wp\/v2\/types\/reflection"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/projekte2.hs-magdeburg.de\/praxisreflektiert\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/projekte2.hs-magdeburg.de\/praxisreflektiert\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2037"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/projekte2.hs-magdeburg.de\/praxisreflektiert\/wp-json\/wp\/v2\/reflection\/2037\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3399,"href":"https:\/\/projekte2.hs-magdeburg.de\/praxisreflektiert\/wp-json\/wp\/v2\/reflection\/2037\/revisions\/3399"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/projekte2.hs-magdeburg.de\/praxisreflektiert\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2037"}],"wp:term":[{"taxonomy":"educase-tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/projekte2.hs-magdeburg.de\/praxisreflektiert\/wp-json\/wp\/v2\/educase-tag?post=2037"},{"taxonomy":"reflection-method","embeddable":true,"href":"https:\/\/projekte2.hs-magdeburg.de\/praxisreflektiert\/wp-json\/wp\/v2\/reflection-method?post=2037"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}